Die Ergebnisse |
Wegen oder trotz der selbst auferlegten kulturellen Nebenaufgaben ist es der VRML-Gemeinde bisher gelungen, ihr Programm in nahezu allen Einzelheiten zu erfüllen. Nicht nur wurden die technischen Ziele, die für die ersten zwei VRML-Versionen am Anfang gesetzt wurden, mit Bravour erreicht; es wurde auch eine Bewegung gegründet.
Zuerst galt es, sich darauf zu einigen, wie Objekte in einem dreidimensionalen Raum dargestellt werden sollten - oder genauer: wie man die Eigenschaften solcher Objekte einheitlich beschreiben soll, damit ihre Darstellung auch durch unabhängig voneinander entwickelten Darstellungssoftware einigermaßen gleich geriet. Das Problem war nicht neu; 3D-Werkzeuge gibt es schon lange im Bereich CAD/CAM. Schwierig war nur, eine Sprache gemeinschaftlich zu entwickeln und dabei nicht (nur) nach den eigenen Firmeninteressen und Marktanteilen zu schielen.
Für die Version 1.0 einigte man sich auf eine modifizierte Version der von Silicon Graphics entwickelten Sprache OpenInventor. Durch diese wird verbindlich festgelegt:
Diese Regeln der Objektgestaltung, wie sie in VRML 1.0 festgelegt wurden, lieferten eine solide Basis für die Errichtung von Messeständen und Marktplätzen, Hörsälen und Büros, Bibliotheken und Schulen und Kirchen und Wohnzimmer des Cyberspace.
Dazu wurde ein wichtiger Grundsatz festgelegt: möglichst keine Neuerfindung von schon funktionierenden Rädern. Für die Kommunikation im Netz wurde fest auf HTTP gesetzt. VRML wurde zunehmend als eine Art Erweiterung zu HTML verstanden, insofern als die führenden Hersteller von VRML-Browsern sich schnell als plug-ins für HTML-Browser plazierten.
Fast noch wichtiger als die Sprache selbst (in der Version 1.0 noch ziemlich dürftig) war die Gründung einer enorm aktiven VRML-Interessensgruppe, ein wichtiger Garant für VRMLs Erfolg im Markt. Sie erinnert stark an die (wesentlich kleinere, dennoch sehr einflußreiche) Gruppe, die sich seinerzeit um Smalltalk bildete. Die VRML-Email-Liste, über die sämtliche Fragen zur Entwicklung und Nutzung der Sprache diskutiert werden, zeichnet kontinuierlich seit Sommer 1995 über 1.000 Beiträge im Monat. Diese Gemeinde von engagierten Entwicklern sorgt dafür, daß jede VRML-Neuheit schnellstens auf die Probe gestellt und penibelst evaluiert wird. Und natürlich liefert sie auch den Druck, mehr Neuheiten zu produzieren.
In der Software ist aller Anfang einfach; erst das Durchziehen ist wirklich schwer. Die Entwickler von VRML97 hatten drei Probleme zu lösen, die in ihren Anforderungen zwar voneinander unabhängig waren, deren Lösungen aber miteinander zu einer einzigen überzeugenden Sprachstruktur integriert werden mußten:
1. die Beseitigung einiger Unzulänglichkeiten von VRML 1.0, die durch die erste Generation von VRML-Anwendungen ans Licht gebracht wurden;
2. die
Erweiterung der VRML-Funktionalität, insbesondere um eine
Tricktechnik, damit die Objekte einer VRML-Szene aktiv werden
könnten;
3. die Einführung von
sprachtechnischen wie auch organisatorischen Mittel der zukünftigen
VRML-Evolution.
Im März 1995 wurde der zweite Schritt eingeleitet: die statische Geometrie der Version 1.0 sollte in Bewegung gesetzt werden. Fast ebenso wichtig war es, zu beweisen, daß eine tragbare Grundlage vorlag - nicht nur die Sprache, sondern auch das Verfahren, die Sprache durch eine kontinuierliche öffentliche Konsensbildung weiterzuentwickeln.
Die erfolgreiche Fertigstellung von VRML97 wurde nach langem Ringen August 1996 am Siggraph-Kongreß bekanntgegeben. Die Haupterrungenschaften, die es zu feiern galt:
Insgesamt war die Feier mehr als angebracht. Demokratisches Verfahren und technisches Ergebnis rechtfertigten sich gegenseitig. VRML schien auf dem besten Weg, ein unumgängliches Arbeitsmittel der Anwendungsentwicklung zu werden. Auf dieser Basis wurde die Entscheidung getroffen, den noch recht unvollständigen Spezifikationstext konsequent zu einem Draft International Standard (DIS) nach Muster der International Standards Organisation (ISO) auszuarbeiten. Diese durchgehende Redaktion wurde nach allen vorgeschriebenen Reviews April 1997 abgeschlossen. Die Anerkennung von VRML97 als ISO/IEC-Standard 14772 wird noch vor Jahresende erwartet.
In der Siggraph-Euphorie war mehrfach das Wort zu hören, VRML sei jetzt komplett - weitere Ausbaustufen seien durch die neue Erweiterungsmechanismen unnötig geworden. Hier war sicher eher der Wunsch der Vater des Gedankens, denn einer solchen Aussage kann man beim besten Willen nicht zustimmen.
In diesem Buch werden meist die Vorteile und Möglichkeiten von VRML97 betont - Leser sollen schließlich lernen, wozu VRML gut ist. Dennoch soll nicht darüber hinweg gesehen werden, daß VRML97 noch einige empfindliche Mängel hat:
Dürfte man davon ausgehen, daß die zukünftige Entwicklung von VRML im gleichen rasanten Tempo wie bisher vorangetrieben würde, so könnte man getrost diese Mängel als Aufgabe für VRML 3.0 - vielleicht schon im nächsten Halbjahr - betrachten. Die ISO-Standardisierung von VRML97 läßt aber Bedenken aufkommen. Ein internationaler Standard läßt sich nicht mehr von Heute auf Morgen ändern.
Was VRML noch werden soll |
VRML ist eine Sprache, mit der man Objekte aus dem Internet zusammensuchen kann, um aus ihnen eine Szene zu konstruieren. Was ist, wenn manche der so zusammengetragenen Objekte eine Art Eigenleben besitzen und autonom auf Ereignisse in ihrer Umgebung reagieren; oder live von entfernten Rechnern direkt gesteuert werden? Dies ist nämlich nicht bloß ein Risikofall, sondern das erklärte Ziel der von Snow Crash inspirierten Cybergemeinde. VRML sollte in ihrer Endausbaustufe eine völlig neue Art von Rechneranwendung ermöglichen: Der Einsatz von vernetzten Rechnern, um die Zusammenarbeit im Team oder einfach das Beisammensein in einer Gemeinschaft zu unterstützen.
Im Englischen sind schon Schlagworte wie Social Computing und Virtual Community im Umlauf, im geschäftlichen Umfeld ist von Network Collaboration die Rede. Wir werden hier von verteilten virtuellen Umgebungen (vvU) sprechen, die von Netzgemeinschaften benutzt bzw. bewohnt werden. Bereits auf der Siggraph96, noch bevor die frisch gedruckte 2.0-Spezifikation verteilt werden konnte, hat die Arbeit and der Weiterentwicklung von begonnen. VRML97 wird jetzt zur Basis einer neuen zweigleisigen Entwicklung:
n Tatsächlich hatte die redaktionelle Arbeit kaum begonnen, um aus der VRML 2.0-Spezifikation einen ISO-tauglichen Entwurf für VRML97 zu machen, da waren schon die nächsten Pioniere dabei, VRML zu einer effektiveren Anwendungsplattform auszubauen.
Es handelte sich dabei u.a. um bessere Schnittstellen für den Umgang mit Text und Farben, um die Definition eines komprimierten Laufzeitformats, um Schnittstellen für die Integration von Java-Anwendungen und den Zugriff auf relationale Datenbanksysteme und um die Definition von Standard-Bibliotheken wiederverwendbarer VRML-Objekte: Widgets für die Gestaltung einheitlicher Benutzeroberflächen für VRML-Anwendungen.
Aber sicher am spannendsten für die Bande der Cyberspace-Eingeschworenen wird die Entwicklung von Schnittstellen für die Mehrbenutzer-Interaktion in virtuellen Räumen. Hier gilt es zu definieren, wie sich das Verhalten von Benutzern und programmierten Objekten verfolgen und über verteilte Systeme synchronisieren läßt - möglichst in Echtzeit. Wenn in Berlin eine Tür aufgeht: Sieht man dann auch in München, wie sie aufgeht? Ein extremeres Beispiel: Wie kann man wissen, ob sein Raumschiff schnell genug abgetaucht ist, um der Rakete auszuweichen, die der Spielgegner abgefeuert hat?
In den folgenden Kapiteln handelt es sich, wie man vom Titel unseres Buches erwarten dürfte, hauptsächlich um VRML97 - den Standard, der wohl fast noch bis zur Jahrtausendwende gültig bleiben wird. Wir wollen zeigen, was man damit alles machen kann, und erklären, warum man all dies machen können wollen soll [J]. Es gibt aber einige Gründe, warum wir es nicht dabei belassen werden:
Nach einem detaillierten Tutorial, das die verschiedenen Sprachelemente nutzt, die als Teil von VRML97 schon einen Standard darstellen, und nachdem wir einige Beispiele aus der aktuellen VRML-Praxis unter die Lupe genommen haben, werden wir zum Schluß (in Kapiteln 14 - 16) uns einigen besonderen Aufgaben zuwenden, die sich eben nicht auf Anhieb mit den vordefinierten Mitteln lösen lassen.
Aber ein Schritt nach dem anderen. Wenn VRML eine wichtige Sprache wird (oder schon geworden ist), dann nicht deshalb, weil einige Programmierer sie technisch reizvoll finden. Die Geschichte der Computersprachen zeigt, daß die Wichtigkeit einer neuen Sprache kaum davon abhängt, wie sie sprachtechnisch beschaffen ist. Nicht die architektonische Eleganz oder formale Mächtigkeit, auch nicht die Neuartigkeit der Konzepte oder gar die Selbstverständlichkeit der Schnittstellen bestimmen den Grad, in dem eine Sprache für die berufliche Weiterbildung unumgänglich wird.
n Eine Sprache setzt sich durch, ihre Marktakzeptanz wird bewiesen, in dem sie benutzt wird, wirtschaftlich interessante Anwendungen zu entwickeln. Ein Überblick der Märkte, in denen sich VRML zu allererst etablieren könnte, ist Gegenstand des folgenden Kapitels.