Das PostscriptTM des Cyberspace |
VRML97 ist eine Sprache zur Beschreibung von Szenen - strukturierten Mengen von dreidimensionalen Bildern - mit Schnittstellen für einfache Tricktechnik und Hintergrundgeräusche. Insgesamt ruft die Spezifikation ISO/IEC 14772-1 ziemlich genau das VR-Bild hervor, wie man es aus den Medien kennt. Der Benutzer soll durch digitale Landschaften voll faszinierender Aussichten und geheimnisvoller Klänge schweben - entweder mutterseelenallein oder als Zielscheibe unerbittlicher digitaler Gegner.
Ein ganz anderes Bild entsteht aus der reichen Online-Diskussion, die den kulturellen und technischen Kontext für die Weiterentwicklung von VRML bildet. Hier hört man eindeutig heraus, daß das entscheidende an VRML - oder genauer, an der Vision Snow Crash, von der die ganze VRML-Evolution anbetrieben wird - ist, daß VRML eine soziale Aufgabe hat: die Erzeugung und bewußte Evolution von Online-Gemeinschaften.
Was ist aus diesem Traum geworden? Mit VRML97 ist er kaum zu erfüllen. Und im Frühherbst 1997 sieht es auch nicht mehr so aus, als ob er von VRML alleine jemals noch erfüllt werden könnte. Dies ist aber nicht unbedingt zu beweinen. Allem Anschein nach hat VRML97 etwas fast so Wertvolles erreicht: eine Basis, die eine Cyberspace-Evolution erst wirtschaftlich möglich macht.
VRML97 ist nämlich in zweierlei Hinsicht ein Riesenerfolg:
1) VRML liefert den
erstaunlichen Beweis dafür, daß der viel zitierte offene
Internetprozeß tatsächlich imstande ist, etwas hoch Komplexes
wie die Entwicklung einer neuen Programmiersprache zu steuern.
2) VRML wird wohl eine
der wichtigsten Sprachen des kommenden Jahrzehnts - auch wenn die Zeit
schon absehbar ist, in der kaum einer mehr in VRML programmiert. VRML
wird nämlich zum PostscriptTM von Cyberspace.
Der erste Punkt ist schon ausgiebig diskutiert worden; die Erhebung vom VRML97 zum ISO-Standard ist dafür der beste Beleg. Der zweite ist eher kontrovers und bedarf einer Begründung.
n Wie Postscript ist VRML eine Sprache, die vollständig als Darstellungsmittel konzipiert ist - eine abstrakte, also maschinenunabhängige, für Menschen lesbare Beschreibung dessen, was eine Treibersoftware hardwarespezifisch umzusetzen hat (für den Drucker bzw. die Grafikkarte). Deshalb ist VRML wie Postsript bar jeglicher Anwendungssemantik. Postscript kennt weder Wörter noch Sätze, keine Überschriften oder Hervorhebung oder Umrandung, sondern lediglich Koordinaten auf einer Fläche und ein paar grafische Primitiven, um auf der Fläche mit Farbe zu pinseln. VRML kennt weder Wände noch Böden, keine Türen, Innenräume oder Wege, sondern lediglich Koordinaten in einem Raum und ein paar geometrische Primitiven, um im Raum mit Farbe und Ton zu basteln.
Aus dieser Sicht läßt sich das Beharren der SGI-VRMLer auf eine möglichst komplette Beschreibungsvokabular - samt Mitteln für die Spezifikation beliebig vieler Licht- und Tonquellen - sowohl erklären als auch rechtfertigen. Wie bei Postscript war es nötig, mit einem Schlag das Gebiet so vollständig abzudecken, daß keine nennenswerte Lücke bleibt, in die man einen ernstzunehmenden Gegenkandidaten plazieren kann.
Wenn die sprudelnde Vielfalt des Internet uns sonst nichts gelehrt hat, dann sicher wenigstens dies: Lösungen müssen nicht perfekt sein, um sich durchzusetzen. Und wer ein klar abgestecktes Gebiet wirklich überzeugend abdeckt, schafft einen De-facto-Standard. Nach dem ist der Schritt zum Standard de jure sogar eher relativ klein. Genau dieses trifft für VRML zu, was die Visualisierung von netzbasierten 3D-Anwendungen angeht. Es ist kaum vorzustellen, wie irgendeine andere Sprache VRML den Platz als Cyberspace-Darstellungssprache noch strittig machen könnte.
Der größere Traum von VRML als die Cyberspace-Sprache schlechthin war wohl von vorneherein eine Fata Morgana. Ein solcher universeller Anspruch hat sowieso zuviel davon, was eine ,,eierlegende Wollmilchsau" genannt wird, um am Ende mit Erfolg gekrönt zu werden. Man kann heute davon ausgehen, daß es im kommenden Jahrzeht kaum ein größeres Cyberspacevorhaben geben wird, dessen Look and Feel nicht mit VRML beschrieben wird. Die Bedeutung der Objekte im jeweiligen virtuellen Raum - der Zusammenhang zwischen Virtualität und Realität - mag mit allen möglichen Mitteln festgehalten werden - Datenbanksysteme und Authentifizierungsdienste, elektronisches Bargeld und geschachtelte Anonymisierungsverfahren. Wie sie aber aussehen, wie sie sich bewegen und sich anhören, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in VRML beschrieben werden.
Das PostscriptTM des Cyberspace zu erfinden, ist vielleicht nicht gerade das, was den Erfindern von VRML vorschwebte. Aber auch das ist nichts neues. Donald Knuth hatte TEX als Document-Beschreibungssprache konzipiert - nur zeigte sich dann die Aufgabe des elektronischen Drucksatzes als so vielfältig, daß er sich nie richtig freikämpfen konnte, und das Feld für SGML überlassen mußte. So weit so gut - aber in den 10 Jahren, die er dann damit verbrachte, TEX zu vervollkommnen, ist Adobe ihm mit der RCRC-Lösung dazwischengekommen, und so werden heute die Drucksachen der Welt eben in Postscript gedruckt.
Die VRML-Gemeinde hat die nötige Pragmatik gezeigt, sich mehr an Adobe als an Knuth zu orientieren - mit den entsprechenden Unvollkommenheiten, aber auch den entsprechenden Erfolgschancen. Und das ist gut so, denn wenn diese enormen gemeinschaftlichen Energien nicht so erbarmungslos ergebnisorientiert gestrafft gewesen wären, wer weiß, mit welchen zusammengeschusterten Mitteln das Gesicht von Cyberspace gestaltet werden müßte?